Jürgen Brôcan in der Messe-Beilage der Neuen Zürcher Zeitung vom 8. Oktober 2011 unter dem Titel
Gespräche mit dem Geist des Ortes
Gedichte von William Wordsworth erstmals in deutscher Übertragung
[...] In Grossbritannien zählt William Wordsworth mittlerweile zu den bedeutendsten Dichtern seiner Zeit, im deutschsprachigen Raum ist sein Werk in Übersetzungen jedoch fast inexistent, auch das «Präludium», das Hermann Fischer 1974 übersetzt hatte, ist längst vom Markt verschwunden. Nun hat Wolfgang Schlüter dieses Versäumnis mit einer wunderschön gestalteten zweisprachigen Ausgabe in der Reihe der Straelener Manuskripte wettgemacht. Sie bietet Balladen, Sonette und Versepen, von Schlüter mit kundigem Gespür aus einem Korpus ausgewählt, das in neueren Editionen rund eintausend zweispaltig bedruckte Seiten umfasst; die Texte sind kommentiert und um ein dank präziser Knappheit zur Einführung bestens geeignetes Nachwort ergänzt.
Agil und störrisch
Wenn Schlüter übersetzt, sind Idiosynkrasien zu erwarten. Nicht zum Schaden des Textes, wie sich an dieser Übersetzung zeigt, sondern zur Bereicherung sprachlichen Ausdrucks und zum intellektuellen Genuss. Schlüters flexible Handhabung des Blankverses treibt jegliche Monotonie aus, die Balance zwischen altertümlichem Ausdruck und modernem Konversationston findet sich, wenn auch in anderer Gewichtung, im Originaltext wieder. So entspricht beispielsweise die Schreibung von «Gebürg» oder «Hülfe» dem englischen «burthen», so finden sich harte Elisionen wie «pray'rs» in dem Wort «durcheinand'geworfen» gespiegelt. Die Forderung nach Wirkungsäquivalenz ist schwerlich umzusetzen - welche Entsprechungen gäbe es in der Gegenwartssprache? -, deshalb ist Schlüters Gratwanderung zwischen agilem und störrischem Klang zweifellos eine exzellente Entscheidung.